Anna Fröderberg_But hey even though your horses went away

Choreographie gegen den Montag #48: Fire dance with me.

Eleni Mandell_Right Side

Seit Tagen quäle ich mich durch einen Roman, den ich unter anderen Umständen wahrscheinlich längst beiseite gelegt hätte. Meine Ungeduld mit Büchern ist inzwischen so groß geworden, dass ich nach zehn Seiten die Hoffnung auf einen interessanten Plot oder auch nur eine Sprache, die nicht platt oder affektiert ist, aufgebe. Wohlmöglich hätte ich Annika Reichs “Durch den Wind” niemals zu lesen begonnen, wäre der Roman nicht mit der Behauptung in meinem Briefkasten gelandet, ich sei dessen prädestinierte Leserin. Zuversichtlich, das bereits bestehende literarische Alter Ego (eine Bloggerin, die ihre Leser dazu bringt, sich das Geheul von Schlittenhunden auf den iPod zu ziehen) durch ein vielleicht weniger abstruses einzutauschen, gebe ich dem Roman trotz verstörendem Klappentext soetwas wie eine Chance. Klappentexte schaffen es ja irgendwie immer, den beworbenen Inhalt durch zwanghaftes Interessantmachen zu entstellen, sie sind nicht wirklich ein Kriterium. Aber selten führen sie dazu, das Ding angewidert aus der Hand zu legen:

Muss es mit Mitte dreißig nicht endlich losgehen? Yoko, Friederike, Alison und Siri, vier Freundinnen aus Berlin, sind auf der Suche nach der Liebe und nach dem richtigen Leben. Und alle vier hadern mit sich, weil sie Angst vor dem Scheitern haben. Haben die Alten etwa mehr Mut als die jungen Leute? Annika Reich erzählt mit Witz und Melancholie, mit Intelligenz und Genauigkeit von einer Generation, die das Neue will und vor den alten Fragen steht. Am Ende merken die vier Frauen: Leben lernen muss jede für sich allein.

Die Hoffnung auf ironische Brechungen verliert sich bereits in den vorangestellten Wortmeldungen von angeblichen Mitarbeiterinnen des Hanser Verlags und deren Bekannten, die sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden wie die vier Protagonistinnen des Romans und lobhudelnd dessen Authentizität beglaubigen. Fast hätte ich ihre Identitäten überprüft, aber die Furcht vor dem schalen Gefühl, wenn sich herausstellt, dass sie doch keine Verlagsfinte sind, hielt mich letzten Endes davon ab. Der Roman hält, was der Klappentext verspricht: Es geht um vier Frauen in Berlin, Mitte dreißig und abgesehen vom Quoten-Pummelchen hinreißend schön. Durch die ständige Beschreibung körperlicher Merkmale weiß man am Ende mehr über Haarpracht und Unterwäschevorlieben als über das Innenleben der Figuren. Wahrscheinlich ist das sogar Absicht und alles miteinander verwoben und austauschbar, nur dass lediglich die Surrogate, aber nicht, was sie substituieren sollen, zur Sprache kommen. Bei dem vielen Gerede über Klamotten, Haarbänder oder Einrichtungsstile sind die Figuren wie die im Roman beschriebenen Möbel: Sie befinden sich nicht einfach irgendwo und gehen ihrer gewöhnlichen Bestimmung nach, sondern sind sorgsam installiert, mit Bedacht gewählt und mit einem Statement versehen. Die einzige Mutter unter diesen Frauen wohnt selbstverständlich im Prenzlauerberg und bruncht sonntags am Kollwitzplatz. Dass sie den anderen Müttern im Kiez dabei nicht wohlgesonnen ist, lässt sie nicht weniger wie aus einem bereits veralteten Berlin-Prospekt herausgerissen erscheinen. Aber auch die anderen trinken in dubiosen Mitte-Läden, die auch so ein Bisschen Kunst machen, Chai Latte oder schwelgen wie die Japanerin beim Heimaturlaub in Tokio ausgerechnet in wehmütigen Erinnerungen an den Hackeschen Markt. Aber noch viel schlimmer sind die formalen Parallelen zwischen mir und einer Protagonistin, die im Hinterzimmer ihres Cafés, wenn sie nicht gerade Schokoladentorten bäckt oder die Welt rettet, an ihrer Doktorarbeit schreibt, mit Romanen auf dem Beifahrersitz Gespräche führt und gern aus Texten über Schnee und Weiße zitiert. Ich begegne ihr mit tiefstem Unbehagen und das nicht, weil sie Thomas Mann liest, sondern Mann und Stifter, weil sie aus all den Texten nur schwache Bezüge zu ihrem Liebesleben herausdeutet und sie damit zu konsensfähiger Cafélektüre degradiert, die beim Milchkaffee überflogen werden kann wie die Neon. Vielleicht ist es dieser kurz aufflackernde Bezug zur eigenen Lebensrealität, der mich beim Lesen insgeheim hoffen lässt, dass die kunstvoll entworfene Fassade allmählich bröckelt, ihre Oberfläche abspringt und ein weniger glattes Innenleben zum Vorschein kommt. Doch ein paar dramaturgische Zuspitzungen und Lebenskrisen später hört der Roman einfach auf. Klar, er gibt Aussicht auf glückliches Familienleben und beruflichen Erfolg, aber alles, was passiert, bleibt rein äußerlich: Das Leben anpacken heißt die Wohnung streichen oder sich was trauen, etwa schrille Klamotten anziehen, aber natürlich nicht, gelebte Klischees zu entschärfen oder zumindest als solche auszuweisen und bloß nichts in Frage stellen. Die einzige Frage, die ich mir nach der Lektüre stelle ist diese: Weshalb verursachen ausgerechnet die schlechten und belanglosen Texte, über die es eigentlich nichts zu sagen gibt, solche Wortschwälle, während die Romane, die beeindrucken, aufwühlen, verstören, schweigend übergangen werden?

Choreographie gegen den Montag#47:

Alphawezen_Speed of Light

The Knife_We share our Mother’s Health (Ratatat Remix)

Hellsongs_Symphony of Destruction

Papierkrieg

Papierkrieg from Makaio Tisu on Vimeo.